Donnerstag, 10. Juli 2014

OneShots #1 - "Willst du?" (Schreiberei)

Ich weiß ja nicht, ob ihr es wusstet, aber ich war lange Zeit (bis vor ungefähr einem Jahr) eine passionierte FanFiktion-Autorin. Davor war ich auch schon passionierte FanFiktion-Leserin. Meinen ersten Account habe ich am 19. Januar 2007 erstellt. Den gibt es sogar immer noch und ich logge mich auch immer noch ab und zu ein und schau, was es so neues gibt. In der Zwischenzeit gab es noch ein paar andere Accounts, auf denen ich gelesen und gepostet habe, aber die sind inzwischen alle wieder Geschichte.
Aber manche Sachen, die ich geschrieben habe, sind zu schade um nicht gelesen zu werden, vor allem die OneShots. Drolligerweise habe ich es nie geschafft, eine Geschichte zu beenden. Kommt vielleicht noch.

Auf jeden Fall möchte ich doch ab und zu mal was kreatives schreiben, das ist nämlich das einzig Kreative, das ich auf die Reihe bekomme.


Dieser OneShot ist im Oktober 2013 entstanden, als gerade ein Lied namens "Willst du" von Alligatoah gehyped wurde. Ich fand es nicht sonderlich berauschend, habe allerdings auch tagelang einen Ohrwurm davon gehabt (dank meiner Schwester...). Dennoch - oder gerade deswegen? - hat es mich zum Schreiben angeregt. Das Ergebnis liest sich unter Umständen nicht ganz jugendfrei, ich glaube, ich hatte es damals als P16 oder P18 gerated.

Ich möchte an dieser Stelle noch betonen, dass ich den Konsum von Drogen in keinster Weise gut finde oder gar glorifiziere. Die vertretene Meinung und das Handeln der Charaktere stellt nicht meine Meinung und Handlung dar, es ist lediglich Fiktion.





Willst Du?

Jetzt stehen wir hier nebeneinander, Hand in Hand. Ich hebe meinen Blick von dem Abgrund und sehe ihn an. „Willst du?“ Wie aus dem Trance gerissen huschen seine Auen unfokussiert über die Landschaft hinter mir. Langsam nickt er und drückt meine Hand fester.

Ich kann mich genau an den Tag erinnern, als wir das erste Mal Händchen gehalten hatten. Ich kann mich auch noch genau an den Moment erinnern, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Das war inzwischen über zehn Jahre her.


Es waren die Sommerferien zwischen vierter und fünfter Klasse gewesen, kurz vor meinem 11. Geburtstag. In diesen Ferien hatten meine Eltern beschlossen, mich in ein „Zeltlager“ abzuschieben, aus welchem Grund auch immer und sehr zu meinem Missfallen.
Ich kam also übellaunig, wie es sich für ein gegen seinen Willen abgeschobenes Kind gehört, im Feriencamp an. Die meisten der anderen Mädchen in meinem Alter hatten die ganze Fahrt über geschnattert, aber ich hatte böse aus dem Fenster gestarrt. In exakt dem Moment, als ich aus dem Bus gestiegen war, hatte ich gewusst, dass ich es hassen würde, von der ersten bis zur letzten Minute.

Dass es doch nicht so gekommen war, das lag einzig und allein an ihm.

Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf dieses vorgekaute, animierte Dauerprogramm gehabt und war einfach auf eigene Faust losgezogen, war Richtung Wald gelaufen, immer am Fluss entlang, an dem auch das Camp lag. Ich wusste nicht, wie lang ich gelaufen war, aber irgendwann, als ich mir einen Moment Zeit nahm um zu verschnaufen, immerhin ging es kontinuierlich bergan, hörte ich leises Rascheln und Tapsen hinter mir. Ich war nicht allein. Erschrocken fuhr ich herum – und da stand er. Grinste mich schief an, wie es sich für einen Zehnjährigen gehört.
Von der Sekunde an waren wir Freunde.

So sehr ich mich im ersten Jahr gegen diese „Abschiebung“ gewehrt hatte, so sehr freute ich mich im nächsten Jahr darauf.


„Ein letztes Mal noch.“ Es soll wohl eine Aussage sein, aber es klingt mehr wie eine Frage. Ich nicke, nicke heftig. Er zieht den Joint aus seiner Jackentasche, ich das Feuerzeug aus meiner. Stumm reiche ich es ihm. Er zündet an, nimmt einen tiefen Zug. Reicht ihn zu mir weiter. Ich ziehe ebenfalls tief in die Lunge, lasse mich von der dumpfen, beruhigenden Welle überrollen.


Wir trafen uns jedes Jahr im Zeltlager wieder. Kinder, die im ersten und zweiten Jahr dabei gewesen waren, kamen nicht mehr. Neue Gesichter tauchten auf. Aber immer war er da. Und ich natürlich auch.
Als wir 15 waren sagte man uns, dass wir langsam zu alt wurden, nicht mehr der Zielgruppe entsprachen. Aber im nächsten Jahr waren wir wieder da. Dieses Mal als Betreuer, die ich am Anfang so sehr gehasst hatte, und zogen die vorgegebene Animationsshow ab. Aber abends, wenn die Kiddies, so nannten wir sie, obwohl sie nur zwei oder drei Jahre jünger als wir waren, ins Bett mussten, saßen wir noch draußen am Lagerfeuer.

Gelegentlich wiederholten wir die „Wanderung“, bei der wir uns kennengelernt hatten. Es lief immer gleich ab. Er ließ mir einige Minuten Vorsprung. Vom Ehrgeiz gepackt lief ich jedes Mal schneller und er holte mich immer später ein.
Als wir 18 waren, entdeckten wir so die Klippe, ungefähr 20 Meter über dem Fluss.


Ich reiche ihm den Joint zurück, der Filter ist nicht unbedingt mein Lieblingspart. Aber er mag das. Das glimmende Ende schnippt er in die Wassermassen unter uns, bevor er mich zu sich zieht.
Ein Lächeln umspielt seine Lippen, als er meine Haare beiseite streicht und mein Gesicht in seine Hände nimmt.
„Du weißt, dass du meine einzig wahre bist?“, flüstert er, seine Stimme ist rau. Er lässt mir keine Zeit zu antworten, wie sehr ich das weiß, stattdessen küsst er mich. Erst sanft, dann intensiver, fordernder. So war es schon immer, so ist es jetzt, so wird es immer sein. Ich lasse mich hinreißen, wie immer.
„Ein letztes Mal noch.“ Bei mir klingt es nach einer Aussage, soll aber eigentlich eine Frage sein. Doch auch hier bedarf es keiner Antwort, wieder küsst er mich, verlangend, während wir unsere wenigen Kleidungsstücke um uns auf dem Stein verteilen.

Hier war unser erstes Mal. Und hier wird auch unser letztes Mal sein.

Er kennt jede Stelle meines Körpers. Fährt die einzelnen Konturen sanft nach. Weiß wie er mich berühren muss um mich in den rasenden Wahnsinn zu treiben. Er kann es. Und er macht es auch.

So oft wir schon hier oben waren und die Zweisamkeit genossen haben, jetzt ist es völlig anders. So endgültig. Als ob es kein Morgen gibt. Es gibt kein Morgen. Also lasse ich mich völlig fallen und kralle mich gleichzeitig so sehr an das Leben, an ihn, wie ich es noch nie getan habe.

„Das war der beste Sex, den Menschen jemals gehabt haben.“ Ich grinse ihn an. Er lacht.

Dann wird es langsam kalt, was nicht besonders verwunderlich ist, immerhin sitzen wir hier splitterfasernackt auf feuchtem Gestein. Für einen Augenblick sehne ich mich nach der Wärme des Lagerfeuers, an dem die anderen bestimmt sitzen. Ich bin versucht unseren Plan doch über den Haufen zu werfen und wieder hinunter zu gehen. Dort könnten wir mit den anderen „Betreuern“ zusammensitzen, noch ein paar Joints rauchen, Bier trinken und zu den nicht besonders harmonisch gespielten Akkorden der Gitarre noch viel unharmonischer singen. So wie immer.
Aber er ist hier. Bei mir. Nein, ich brauche das Feuer, die Gesellschaft nicht. Ich habe ihn. Er hat mich.

„Willst du?“ Seine Stimme klingt immer noch rau, aber auf andere Weise. Ich blicke zu ihm auf. Zwei feuchte Spuren glitzern im Mondlicht auf seinen Wangen. Ich muss heftig schlucken.
„Ja.“ Meine Stimme klingt auch nicht besser und jetzt spüre ich auch die Tränen unter meinen Augen.

Langsam stehen wir auf, wieder Hand in Hand. Wir treten an die Kante. Ich kann einzelne Steinchen unter meinen Zehenspitzen in die Tiefe bröckeln fühlen.
Wir blicken uns fest in die Augen. Ich kann mein Spiegelbild in seinen braunen Augen erahnen. Er schüttelt sich die dunklen Locken aus der Stirn.
„Wir lassen nicht los“, erinnert er mich. Ich nicke.
„Wir bleiben zusammen“, erinnere ich ihn. Er nickt.
Immer noch starren wir einander an.
„Drei“, murmelt er. „Zwei“, flüstere ich. „Eins.“
„Jetzt!“ Wir beide schreien es und dann springen wir. Hand in Hand.

Das ist nicht das erste Mal, dass wir von der Klippe springen. Das ist auch nicht das erste Mal, dass wir nackt von der Klippe springen oder bekifft oder Hand in Hand oder nachts. Auch nicht alles zusammen. Trotzdem fühlt es sich komplett anders an. Endgültig, irgendwie.

Die Wasseroberfläche kommt rasend schnell näher. Das ist der Moment, in dem man wohl sein Leben an sich vorbeiziehen sehen sollte. Ich sehe nichts davon, nur ihn, seine Augen.

Der Aufprall trifft mich hart, unvorbereitet. Seine Hand ist fest um meine geklammert, meine Fingernägel graben sich in seine Handfläche. Augenblicklich reißt die Strömung uns fort.
Jetzt müssten wir losschwimmen um das Ufer vor den Stromschnellen zu erreichen. Aber wir lassen einander nicht los und lassen uns weiterspülen.
Nur Augenblicke später werden wir von den Wassermassen hin und her gerissen, unter die Oberfläche gedrückt, in mehrere Richtungen gleichzeitig gerissen. Noch immer halten wir fest aneinander. Ich schließe die Augen.

Es zieht heftig an meinem Arm. Er zieht heftig an meinem Arm. Ich spüre Grund unter meinen Füßen, Kiesel und vereinzelt sandige Stellen.
Prustend rudere ich mit der freien Hand ans Ufer. Er hat es schon hinaus geschafft, hält aber immer noch meine Hand. Wenn er nicht aufpasst, wenn ich nicht aufpasse, reiße ich ihn wieder ins Wasser. Doch dann stehen wir beide tropfend an Land.

„Das glauben uns die anderen nie“, murmelt er leise, als wir die Klippe endlich wieder erreicht haben.
„Ich weiß nicht, vielleicht ja doch?“ Dabei betrachte ich die aufgeschürften Stellen an meinen Gliedmaßen. Die Schienbeine hat es besonders schlimm erwischt. Aber er sieht auch nicht besser aus.
„Selbst wenn, wir müssen ihnen davon ja nicht erzählen.“
„Müssen wir nicht“, stimme ich ihm zu. „Zumal das ja nicht geklappt hat.“
Er grinst schief. „Aber eigentlich bin ich ziemlich froh deswegen.“
Schweigend ziehen wir uns fertig an und schlendern langsam zurück zum Zeltplatz. Kurz vor dem Waldrand nehme ich seine Hand.
„Ich auch.“


- Ende -


Was haltet ihr von so kreativen Ausflügen? Gut? Schlecht? Ganz okay?
Lieber in sich Abgeschlossenes oder Geschichten über mehrere Blogposts? Präferierte Thematiken?
Anderweitiges Lob oder Kritik?

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